Organspenden: Neue Wege beschreiten

In Deutschland warten derzeit rund 6.600 Menschen auf eine Spenderniere. Nur ein Bruchteil von ihnen wird rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten. Das geltende Transplantationsgesetz schließt die sogenannte Überkreuz-Lebendspende aus, obwohl sie die angespannte Situation etwas entschärfen könnte und in vielen anderen Ländern längst erfolgreich praktiziert wird. Das soll sich nun ändern. Was ist bei der Gesetzesänderung zu beachten?

In Deutschland stammen etwa 30 % aller transplantierten Nieren von Lebendspendern. Nach dem geltenden Transplantationsgesetz müssen sich Spender und Patient in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahestehen. Bereitwillige Spender sind jedoch nicht selten mit ihren Patienten inkompatibel, was eine direkte Transplantation ausschließt.

Bei der sogenannten Überkreuzspende können Patienten ihre bereitwilligen, aber unverträglichen Spender mit Spendern anderer Patienten in der gleichen Situation „tauschen“. Bei einer Überkreuzspende spenden also beide Spender jeweils eine Niere, und ihre inkompatiblen Empfänger erhalten jeweils eine passende Niere. Nach einem ähnlichen Konzept kann ein Ringtausch zwischen drei Paaren oder sogar ein Kettentausch stattfinden, der idealerweise durch eine ungerichtete Spende initiiert wird.

Solche Nierenlebendspenden werden weltweit in vielen Ländern durchgeführt, nicht zuletzt dank der Initiativen und Forschungsbeiträge des Wirtschaftsnobelpreisträgers Alvin Roth. Dazu werden in der Regel zentrale Nierenspendeprogramme organisiert, die die medizinischen Daten der inkompatiblen Spender-Empfänger-Paare sammeln. Ein Computeralgorithmus berechnet dann eine effiziente Zuordnung der Spender-Empfänger-Paare. Kübler und Ockenfels (2020) diskutieren internationale Erfahrungen mit der Lebendnierenspende und deren ethische Aspekte.

Es ist geplant, das Transplantationsgesetz auch in Deutschland dahingehend zu ändern, dass zwar weiterhin eine Nähebeziehung zwischen Spender und Empfänger bestehen muss, die sich gemeinsam im Nierenspendeprogramm registrieren lassen, aber nicht mehr zwingend zwischen dem Spender eines Organs und dem Empfänger desselben Organs. Dies würde ein sicheres und erfolgreiches deutsches Nierentauschprogramm ermöglichen, doch zuvor sind noch einige Herausforderungen zu bewältigen (Cseh et al., 2024). Zum einen müssen die logistischen und infrastrukturellen Voraussetzungen für ein bundesweites Programm geschaffen werden, von der Finanzierung über die Ausstattung zur elektronischen Datenverarbeitung bis hin zur biomedizinischen Expertise. Dabei sollten von Anfang an auch die Möglichkeiten grenzüberschreitender Kooperationen in Europa berücksichtigt und die vielfältigen Erfahrungen anderer Länder mit Nierentauschprogrammen einbezogen werden (Biró et al., 2019).

Zum anderen wäre es wichtig, dass alle Transplantationszentren das neue Programm unterstützen und alle ihre Spender-Patienten-Paare dort registrieren würden. Simulationen zeigen, dass einzelne Kliniken einen Anreiz haben könnten, Paare nur selektiv zu melden. Dies würde insgesamt zu weniger Transplantationen führen. Neu zu schaffende Anreize könnten dies verhindern. In einem ersten Schritt sollten jedoch eine Dokumentationspflicht und ein unabhängiger wissenschaftlicher Beirat zur Überwachung des Systems eingerichtet werden, um große Datenlücken zu schließen und mögliche Ineffizienzen zu identifizieren. Nicht zuletzt auf Basis der Simulationsstudien empfehlen wir nachdrücklich, die Zulassung von Spendenketten zu ermöglichen, die von gut informierten, altruistischen Spendern initiiert werden und besonders vielen Patienten helfen könnten.

Wenn diese und andere Hürden überwunden werden, könnte ein neues Nierenaustauschsystem die Versorgungssituation von Nierenpatienten in Deutschland deutlich verbessern. Der akute Mangel an Spenderorganen wäre auf einen Schlag gelindert. Die Anfangsinvestition würde sich durch die eingesparten Behandlungskosten für die teure Dialyse schnell amortisieren. Nicht zuletzt würden die verbesserten Erfolgsaussichten einer Transplantation für Hunderte von Patienten und ihre Angehörigen eine enorme gesundheitliche und psychische Entlastung bedeuten.
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Autoren: Cseh, A., Kurschat, Ch., Ockenfels, A., „Organspenden: Neue Wege beschreiten“, Wirtschaftsdienst, 104. Jahrgang., Heft 5, 2024, Seite 293, Anmerkungen und Literaturverweise siehe dort, als Open Access | CC BY 4.0 | DOI: 10.2478/wd-2024-0079

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